Borstei
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Ein Rundgang durch diese besondere Wohnanlage in München
[28.5.2006]
Vom Eingang der Dachauer Straße betritt man zuerst einen Zwischenraum mit Eingängen zu Gärten auf beiden Seiten. Danach gelangt man durch einen weiteren Bogen in den Innenhof. Straße und Gehweg sind von Anfang an getrennt und führen die städtische Atmosphäre zum Teil in den inneren Teil weiter. Zuerst ging ich in den großen Innenhof. Auffällig war hier die Ruhe. Es regnete, nur wenige Leute waren unterwegs. Der Innenraum hat einen kleinen Park mit einigen Steinstatuen und einem kleinen Rundgang mit Brunnen. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich an einem großzügigen Gehsteig kleine Geschäfte wie Bäcker, Schreibwaren und qualitativ hochwertige Waren wie einem Goldschmied und einem Feinkostladen. Außerdem gibt es ein kleines Café, das auf den Park blickt.
Ich hatte einen Eindruck wie von einem kleinen Dorfplatz, der von mehrstöckigen Häusern umrahmt ist. Ich empfand die Mischung dieses ruhigen, halb-öffentlichen Platzes, als einen schönen Ausdruck von „kultiviertem“ Wohnen in der Stadt. Es ist ruhig hier, man hört Vögel singen, den Regen plätschern und die Bäume im Wind rauschen. Gleichzeitig hat man sofort die Verbindung zur Stadt. Die Bewohner benutzen offensichtlich sehr viel das Fahrrad, denn besonders in den Torbögen sind viel vom Regen geschützt untergestellt.
Danach ging ich langsam zurück, in den vorher beschriebenen Zwischenraum, von dem man in zwei weitere Gärten gelangt. Der eine ist ein nur kleiner Innenhof. Aber auch hier schön angelegte Beete, es gibt Skulpturen und Sitzbänke. Der andere eine ausgearbeitete Parkanlage mit Skulpturen, verschiedenen, sehr gepflegten Beeten, Steinvasen und sogar einem überwachsenen Laubengang. Hier fielen mir vor allem die hohen Bäume auf, die sich perfekt in die gesamte Anlage einpassen. Ich genoß den Gang durch die Anlage, der Regen wirkte weiter verbindend mit der Atmosphäre. Hier war alles zugleich, Stadt, Natur, Geschäftigkeit und Ruhe. Das ist nicht einfach nur Wohnen neben einem Park, sondern alles ist miteinander verzahnt. Der Park liegt auf einer etwas höheren Ebene als die Zufahrtsstraße, die zu Garagen führen. Diese Verbindung der Funktionen und ihre sinnvolle Abgrenzung durch verschiedene Ebenen läßt sich weiter verfolgen. Auf höheren Ebenen wachsen dann die Baumkronen direkt vor den Fenstern der Bewohner, das zu einer schönen wechselnden Aussicht führt im Lauf der Jahreszeiten, zu Sonnenschutz im Sommer und einer gewissen privaten Atmosphäre durch Sichtschutz.
Es gibt noch einen Aspekt, der mir wichtig erschien: Kleinere verspielte Wege und Durchgänge, die nur für Fußgänger geeignet sind, schaffen durch eine gewisse Komplexität das Gefühl eines kleinen Dorfes und lenken die Menschen zu Fuß, auf dem Rad und im Auto auf verschiedenen Wegen durch die Anlage.
Im Gesamten bleibt ein Eindruck von einer sehr sinnvollen Großwohnanlage, die mit Rücksicht und Respekt auf ihre Bewohner entworfen wurde und sicher mit Recht bekannt ist. Hoffentlich dient sie recht vielen Architekten als Vorbild, daß auch auf engem Raum menschenwürdiges Wohnen möglich ist.
Weitere Erkundung
[29.7.2006]
Vor ein paar Tagen besuchte ich die Anlage noch einmal mit Ruhe für einen ausgedehnten Spaziergang. Das Wetter war sehr warm und sonnig. Sobald ich die Anlage durch den Bogen betreten hatte, öffnete sich wieder die Ruhe der Innenseite wie eine Umarmung. Ich konnte Verkehrsgeräusche bald nur noch sehr fern erahnen, obgleich eine wichtige Verkehrsader Münchens am hinteren Teil der Borstei vorbeiführt. Und auch eine angenehme Kühle entsteht durch die Schatten der Bäume in den Parks und die allgegenwärtigen Brunnen. Langsam und aufmerksam ging ich durch die Siedlung, die noch um einiges größer ist, als ich erwartet hatte.
Einen starken Eindruck hinterließ der „Garten der Ruhe“, der nocheinmal von vier Seiten umgrenzt, nur durch einen Bogen zugänglich ist. Ein herrlicher Park im Innenhof mit einem stillem Wasserbecken mit Seerosen und einer zentralen Statue. Eine Mutter ließ ihr Kind dort baden, während ein älteres Paar ruhig im Schatten beim Lesen saß.
Was mir auffiel, war der starke Efeubewuchs in einigen Straßen, der mir sehr gefiel. Im Verwachsen mit der Umgebung zeigt sich etwas sehr Lebendiges, das auch in kleinen Andeutungen wie geschwungenen Metallspeichen in Torbögen fortgeführt ist. Es erscheint, als ob Natur und menschliche Arbeit hier einen Dialog eingehen.
Wirkung nach außen
Mir gefiel, wie die Siedlung sich auch nach außen erweitert und auf die Umgebung wirkt. Es gibt eine halbrunde Abkantung mit einer eigenen kleinen Gartenanlage am Ende der Siedlung zur Dachauer Straße hin. Am nordwestlichen Ende führt eine Grünzeile entlang, die einen langsamen Ausklang zur Umgebung schafft. Es gibt dort Spiel- und Sportplätze. Etwas abseits von der Aufmerksamkeit der Siedlung und etwas versteckt, trotzdem aber eben noch dazugehörig.
Details
Diesmal hatte ich auch auf unauffälligere Details geachtet. So z.B. finden sich Entlüftungslöcher in konkaven Ornamenten unter vielen Küchenfenstern, in denen Entlüftungsschlitze untergebracht sind. An Garagentüren stehen auf der Innenseite unaufdringliche Erinnerungssätze, die Ruhe in der Anlage für alle Mitbewohner zu achten. Im Ganzen fiel mir wieder die großzügige Planung auf, die ausgelegt ist für Menschen. Immer gibt es z.B. ausreichend Platz für Fahrräder und Kinderwägen, ohne daß diese, wie häufig in Mietshäusern, zu einem Problem werden oder gar als Störfaktor einer kalten Ästhetik empfunden werden, die auf dem Reisbrett sauber aussieht und dann in Wirklichkeit als kalter Block nicht zu den menschlichen, eben nicht symmetrischen Lebensbedingungen passen wollen und immer an-ecken. In der Borstei gehören die Formenvielfalt und Eigenheiten der Bewohner gerade zum Konzept dazu. Das spiegelt sich überall wieder z.B. daß die Bewohner sich durch die Vielfalt der Formen und Funktionen der Anlage auch häufig begegnen und sich so auch kennen, grüßen und unterhalten. Eben Lebendigkeit, Menschlichkeit und Ruhe.
Nach einem ausgedehnten Rundgang fühlte ich mich zurück auf der Straße wie angekommen aus einer anderen Stadt. Die Borstei ist wie ein Mikrokosmos, eine Oase in der Stadt, bei der ich gerne zu Besuch bin.
Links
- Borstei im Ideenjournal für Architektur
- Nikolaus Herbert, liebevolle und detailreiche Fotos
- Borstei im München-Wiki
| Marco Holmer, 24.8.2007 |


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