Die große Stille (Film)

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Regie: Philip Gröning, 2005


Äußerlich ein filmisches Abbild über die "Grande Chartreuse", dem Hauptkloster des Kartäuserordens, und das Leben der Mönche.

Inhalt

„Die große Stille“ zeigt Menschen, die ein Leben führen, das auf das Notwendige reduziert ist. Über den Film läßt sich nur sagen, daß es darum geht, genau das zu erleben und nur das. Das bedeutet, die Aufmerksamkeit nicht aus dem Moment abschweifen zu lassen. - Ob die Mönche beten, Bewußtsein erforschen, Gott suchen, etc. läßt sich nicht sagen, denn das wäre hineininterpretiert und auf die gezeigten Abläufe aufgesetzt.

Im Film wird gezeigt, wie alles dieser Ausrichtung auf das Wesentliche untergeordnet und daraufhin ausgelegt ist. Alle Bestandteile des Lebens sind geregelt und alles Unnötige entfernt, so daß kaum Identifizierung möglich ist und der Verstand in Ruhe gelassen wird.

Mit der Entscheidung zum Mönchsein wird die vorgestellte Zukunft aufgegeben. Es wird nichts mehr von außen passieren mit einem. Auch von der Vergangenheit macht sich ein Mönch frei. Der Kontakt mit engsten Verwandten ist ein letzter Anhaltspunkt, ist aber äußerst reduziert. Es ist kein Aufarbeiten der Vergangenheit nötig, kein Wundenlecken oder Heilen, bevor jemand authentisch und voll und ganz sein kann. Im Gegenteil, das Zurückgeworfenwerden auf sich selbst macht das Wiedererkennen der eigenen Ganzheit möglich. Die Verletzungen und persönlichen Schwierigkeiten sind dann immer weiter äußerlich.

Alle Gegenstände haben ihren eigenen nüchternen und starken Charakter. Es zählt allein die Funktion. Verzierungen sind auf ein Mindestmaß beschränkt und vermitteln dadurch nur einen hintergründigen, fein erleichternden und erhebenden Eindruck, z.B. im Wohninnenraum. Alle Gegenstände des täglichen Lebens wirken einfach, schwer, kantig, hart, voll (z.B. Metallgeschirr, Werkzeuge, auch die einheitliche Kleidung). Lediglich die Kirche ist geschmückt, dort, wo es ausschließlich um den freudigen Kontakt mit sich selbst geht.

Das Gewand ist einheitlich und bedeckt den ganzen Körper. Damit wird die Identifizierung mit dem eigenen Körper erschwert und auch körperliche Vergleiche oder andere geistige Beschäftigungen mit anderen. Vermutlich dienen auch die Kapuzen dazu, nicht unnötig herumzusehen und abzuschweifen, sondern bei der Sache direkt vor einem zu bleiben.

Es gibt feste Zeiten für innere Betrachtung. Unter tags Erinnerungen über das Signal der Glocke, bei dem alle Mönche ihre momentane Arbeit unterbrechen, um sich kurz zu besinnen. Das ist bestimmt hilfreich, um die momentane Selbstvergessenheit zu erkennen oder um sich an diesem besonders herausgehobenen Moment erfreuen zu können. (Das läßt sich mit einem Wecker oder Armbanduhr auch selbst ausprobieren.)

Einer der Mönche erklärt, daß durch so eine Lebensweise mit der Zeit die Freude immer größer wird. Aus einem selbst heraus. Für einen Mönch ist es sinnlos, äußere Umstände zu ersehnen, die ihm Glück zuführen sollen, das er sich quasi einverleiben kann. Er braucht sich auch nicht davor zu fürchten, daß die äußeren Umstände schwer oder unangenehm sein könnten. Er hat nichts Aufgebautes, das zusammenfallen könnte.

Wirkung und Bedeutungsebenen

Es handelt sich nicht um einen Dokumentarfilm, noch nicht einmal um einen Film im üblichen Sinn. Die einzige Gemeinsamkeit mit einem üblichen Film ist die Technik aus Bild- und Tonspuren, die eine Erfahrung vermitteln.

Wie in fast keinem anderen Film zielt dieses Werk darauf ab, sich der eigenen Wahrnehmung und Situation bewußt zu werden, statt die Aufmerksamkeit zu binden. Dazu wurde in letzter Konsequenz und soweit es in einem Film möglich ist, alles Beiwerk, alles Unnötige, alles Erklären und Zubereiten, alle Vorgaben zum Denken, Fühlen und Interpretieren fallengelassen. Es gibt keine Beschäftigung mit Objekten wie Stoff, Handlung, Figuren, Ton, Musik.

Trotzdem hat der Film eine deutliche Ordnung, klar erkennbare Inhalte und Konturen. Er begleitet das Leben der Mönche. Aber es geht nicht darum. Es geht um etwas, das sich innerhalb der Konturen abspielt. Einmal innerhalb des Klosters, und gleichzeitig innerhalb der Konturen des Films. Es geht um den Zuschauer selbst und das Einstimmen darauf, wie Besinnung und Selbsterkenntnis funktioniert.

Links

Marco Holmer, 19.9.2010