Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran (Film)

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Regie: Francois Dupeyron
Drehbuch: Eric-Emmanuel Schmitt

Ein wunderbarer Film über Wirkung, genaues Hinsehen und innere Wahrheit. Nachdem ich das kleine Buch gelesen hatte, war ich erstaunt über die Detailtreue des Films. Einige Szenen hatte ich mir vorher fast bildgleich vorgestellt.

Der Film strahlt sehr viel Warmherzigkeit aus und bewegt etwas in einem. Er hat noch lange nachgewirkt in mir, denn er berührt die Sehnsucht, selbst den direkten Zugang zu diesem warmen, vollen Gefühl im eigenen Leben zu finden. Außerdem spricht er viele alltägliche Probleme an, die jeder aus eigener Erfahrung kennt.

Lebensschule

Der junge Moses wird von seinem Vater ständig gepeinigt und herabgewürdigt. Er lebt ein verdrossenes Leben und stiehlt sich heimlich sein kleines Glück zusammen. Er zweigt etwas vom Haushaltsgeld ab für die ersten sexuellen Erlebnisse mit Prostituierten.

Einmal stellt ihn der alte Araber, wie der Mann aus dem Lebensmittelladen genannt wird, wegen seiner Ladendiebstähle zur Rede. Nach dieser Entwaffnung von Moses baut er ein Vertrauensverhältnis auf und die beiden werden Freunde. Es ist eigentlich eine Geschichte von einer Lebensschule. Das war also die notwendige Demütigung und Demaskierung am Anfang, und Moses berichtet ihm fortan von seinen Erlebnissen und Problemen.

Klärung und Stärkung des eigenen Gefühls

Dann beginnt die Klärung: sie gehen neue Schuhe kaufen, denn wenn die Schuhe drücken, muß man sie wechseln; man hat ja nur ein Paar Füße. Natürlich geht es um das Leben des Jungen. Monsieur Ibrahim zeigt ihm sogar einige Tricks, wie er mehr Haushaltsgeld für weitere Besuche bei den "Professionellen" sparen kann, denn das Paradies steht jedem offen, auch Minderjährigen. Für Monsieur Ibrahim gibt es keine äußeren Regeln, er folgt nur dem, was er selbst erkennt.

Auch bei Problemen mit einem Mädchen weiß er Hilfe, denn die Liebe gehört einem selbst; ob sie erwidert wird, ist eine andere Sache. Außerdem hat man nur das, was man verschenkt. Alles, was man für sich behalten will, zerrinnt einem zwischen den Fingern.

Unabhängigkeit

Als der Vater Moses feige verläßt, versucht der Junge notgedrungen, allein zurechtzukommen. Seine Mutter taucht plötzlich wieder auf, und es kommt zu einem gespielten Dialog, bei dem beide die Wahrheit kennen. Er gibt sich für einen anderen aus, denn er ist nicht mehr von ihr abhängig, also nicht mehr ihr Sohn. Er ist ein anderer geworden und hat sein Leben selbst in die Hand genommen.

Ordnung

Ein schönes Beispiel ist auch der Autokauf, der beinahe nicht zustande kommt, weil der Verkäufer so eingefahren und realitätsfern ist, daß er anfangs fassungslos nicht die volle Summe in bar annimmt. Für den ordentlichen Ladenbesitzer, der sein Leben lang genauestens kalkulieren mußte, ist es eine Selbstverständlichkeit, etwas nur zu kaufen, wenn er das gesamte Geld hat.

Wiederverbindung, Tod und Leben

Die Reise in die Heimat von Monsieur Ibrahim ist eine Reise nach innen. Gemeinsam gehen sie zum Ursprung zurück. Von der reichen zivilisierten Welt in Mitteleuropa fahren sie zurück durch die Armut Albaniens, durch die Geschichte der Griechen, durch das pulsierende Tor des nahen Ostens: Istanbul, bis in das entlegene Heimatdorf. Auf dem Weg besuchen sie verschiedene Kirchen, Moscheen und tanzende Derwische. Kurz vor dem Ziel verunglückt der alte Mann und stirbt im Kreis seiner alten Freunde. Er ist angekommen, und Moses steht am Anfang. Er ist jetzt endgültig auf sich allein gestellt, aber mit allem ausgestattet, was man wissen muß.

Marco Holmer, 9.12.2007