Reifung und Lebensschulung bei Wilhelm Meister

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Johann Wolfgang von Goethe:

  • Wilhelm Meisters Lehrjahre
  • Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden


Kurze Zusammenfassung

Goethe entwickelt in diesen beiden Romanen, ausgehend vom Leben des Wilhelm Meister, die Geschichte eines Menschen und seiner Reifung. Wilhelm hat Wünsche und Träume und wird mit der Wirklichkeit konfrontiert, erlebt Rückschläge und Desillusionierungen, darauf folgen neue Anläufe in veränderten Richtungen. Weiter tritt noch eine Kraft auf, die diese Ausrichtung auf tieferes Lebensverständnis bewußt zu unterstützen versucht (Turmgesellschaft).

Form und Wirkung

Goethedenkmal in Weimar

Beide Romane wirken beim ersten Lesen sehr unterschiedlich. Die Lehrjahre lesen sich flüssig. Sie hinterlassen einen geschlossenen Gesamteindruck aus einem Guß, während die Form der Wanderjahre stark davon abweicht. Dort tritt die Figur Wilhelm zurück, während im Gegenzug eine allgemeinere Zusammenschau von verschiedensten persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituationen in den Vordergrund rückt.

In beide Romane sind Einschübe eingeflochten in Form von abgeschlossenen Erzählungen einzelner Figuren, Briefen, Tagebucheinträgen, usw. Diese Praxis wird in den Wanderjahren sogar noch deutlich verstärkt genutzt, wodurch ein konventioneller Romanfluß beinahe aufgehoben wird. Beim Lesen erhält man vermehrt den Eindruck, daß sehr viel gleichzeitig geschieht und dadurch alles in ein bewegtes, unaufhaltsames Ganzes fließt. Man verliert mitunter sogar selbst als Leser die Kontrolle und den Überblick. Wer den Roman liest, um im Zusammenhang einer Geschichte unterhalten zu werden, unterschlägt das feinere Angebot, das sich dahinter verbirgt. Wenn man sich aber darauf einläßt, geschieht eine Art Öffnung. Angesichts des Überflusses muß man gewissermaßen kapitulieren, und es bleibt automatisch nur noch das übrig, was gerade behandelt wird. Dadurch verlagert sich das Gewicht auf etwas Anderes, Feineres. Goethe arbeitet mit viel Menschenkenntnis und Detailgenauigkeit eine bestimmte Art von Schönheit heraus. Diese Schönheit hängt mit dem Leser zusammen, denn sie entsteht im eigenen Wahrheitsempfinden und ergibt sich als Folge von persönlichen Aufschlüssen. Auch noch kleinste, vermeintlich versteckte Regungen der Menschen, die jedem aus dem eigenen Leben bekannt sind, werden ausgeleuchtet. Dadurch entsteht bei einem selbst der Eindruck, erkannt und angenommen zu sein, und sein zu dürfen, wie man ist.

In den Wanderjahren ist die Geschichte von Wilhelm nur noch ein kleiner Teil eines viel größeren Gesamtzusammenhangs und taucht häufig nur in Erzählungen und Verweisen von Dritten auf. Ebenso geht es mit anderen Rahmenhandlungen, etwa der Liebesgeschichte zwischen Felix und Hersilie. Diese losere Verkettung der Textstücke erhält gerade dadurch eine neue Lebendigkeit, weil man selbst als Leser ein Teil wird, indem man aktiv am Zusammensetzen der Geschichte mitwirkt. (Diese völlig neue Textgestaltung war damals revolutionär, und Goethe wurde lange dafür kritisiert, bis sich die allgemeine Meinung darüber erst Anfang des 20. Jahrhunderts mit Verbreitung neuer Romanformen änderte.) Die Form hat etwas Bruchstückhaftes, das dem eigenen, subjektiven Erleben viel näher ist als etwa ein allwissender Erzähler. Es ist fast wie im Leben, bei dem man sich aus Ansichten anderer und dem eigenen Erleben ein Bild zusammenzubauen versucht, letztendlich aber immer wieder an den Punkt gelangt, das eigene Empfinden, die eigenen Werte und das eigene Verständnis selbst zu bilden und immer wieder von Neuem zu prüfen.

Ein weitere Wirkung der Episoden ist, daß es bei einem Einschub keine Voraussetzungen und Bewertungen mehr gibt. Ebensowenig gibt es eine Hauptfigur, bei der man als Leser automatisch als gut bzw. schlecht bewertet, wenn ihr etwas Erwünschtes bzw. Unerwünschtes widerfährt. Es gibt nur Menschen ohne eingefärbte Vorgeschichte, die in unterschiedliche Situationen verstrickt werden (vgl. die Episoden „Ein Mann von funfzig Jahren“, bei der Vater und Sohn sich in die selbe Frau verlieben; oder „Die gefährliche Wette“, die Übermut, ungeschriebene gesellschaftliche Regeln, Rache und jahrzehntelange Nachwirkungen von Provokation und Eingehen darauf porträtiert). Durch diese Offenheit wird dem Leser sozusagen der Boden unter den Füßen weggezogen, denn jetzt findet er sich mit seinen voreingenommenen Ansichten und verinnerlichten Regeln allein und ungeschützt. Eine solche Voraussetzung ist z.B. „die Hauptfigur kann nicht sterben“. Durch die Form betritt Goethe völlig neuen Grund mit der Führung des Lesers und berührt dadurch eine tiefere Bedeutungsebene. Denn dadurch werden die eigenen Annahmen und deren wackelige Grundlage bewußt. Und noch elementarer: Die Auseinandersetzung führt einen direkt auf die nicht hinterfragte Annahme, selbst unzerstörbar und unverletzlich zu sein. Außerdem kommt es durch diese Öffnung der Perspektive zu einer feineren Anregung: Der Leser kann sich gleichzeitig in mehrere Rollen und Standpunkte hineinversetzen, die völlig gleichwertig sind. Erst dadurch ist es möglich, unvoreingenommen zu betrachten und sich selbst zu fragen, wie man in der jeweiligen Situation handeln würde.

Wichtige Elemente

Die wichtigsten Eindrücke sind das brennende Verlangen und Streben von Wilhelm zu etwas Eigenem. Er ist ein Suchender. Als Sohn einer bürgerlichen Familie ist ihm ein Weg als Kaufmann vorbestimmt. Wilhelm liebt aber seit seiner Kindheit das Theater und hungert nach Kreativität und künstlerischem Ausdruck. Deswegen sehnt er sich danach, seiner Neigung nachzugehen und sich in diese Richtung weiterzuentwickeln.

Doch ein erster Schicksalsschlag, als die junge, hoffnungsvolle Liebesbeziehung zur Schauspielerin Marianne scheinbar gescheitert ist, vergällt ihm den Traum von der Eroberung der Welt, und er fügt sich seinem vorgegebenem Weg.

Später trifft er im Verlauf einer geschäftlichen Reise auf eine abgehalfterte Schauspielertruppe, die seine alte Liebe zum Theater wieder auflodern läßt. Je mehr Zeit und Geld er mit ihnen verbraucht, desto weiter entfernt er sich von seinem väterlichen Auftrag und steuert auf einen Moment der Entscheidung zu, wo er zu sich stehen muß: Er entscheidet sich, seiner Neigung und seinem tiefsten Wunsch zu folgen und sich selbst auszubilden. Er übernimmt die Leitung und die Hauptrolle in einer Inszenierung von Shakespears Hamlet.

Während einer Reise zu einem Schloß wird die Gruppe von Räubern überfallen. Aus der Bewußtlosigkeit erwachend, verliebt sich Wilhelm in seine „Retterin“ Natalie. Sie verschwindet gleich danach wieder, aber Wilhelm bekommt sie fortan nicht mehr aus dem Kopf und die Sehnsucht und Suche nach ihr wird zu einem weiteren handlungsbestimmenden Element.

An einigen Stellen tritt etwas Geheimnisvolles in die Handlung. Vor allem, als bei der Inszenierung der „Geist“ fehlt und Wilhelm von einem anonymen Schreiben angewiesen wird, Vertrauen zu haben, daß der Geist bei der Aufführung im rechten Moment erscheinen wird. Er folgt diesem geheimnisvollen Wink und wird nicht enttäuscht. Später stellt sich heraus, daß diese Hilfe von einer Art Geheimbund arrangiert wurde. Es wird ihm eröffnet, daß diese „Gesellschaft vom Turm“ schon seinen bisherigen Lebensweg beobachtet und angeblich beeinflußt hat. Wilhelm hat daran zu schlucken, daß die Gesellschaft für seine Reifung, für die er sich ja selbst ausdrücklich entschieden hat, vorsieht, ihm seine künstlerisch-freigeistige, ausschweifende Neigung zu stutzen und aus ihm ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen. Er hatte gemeint, diese Anlage sei der edelste und beste Zug in ihm, aber in Wahrheit war das nur ein falsches Bild, dem zu folgen ihn dazu veranlaßte, viele andere Dinge zu vernachlässigen und geringzuschätzen. Von hier ab verläuft die Ausbildung bewußt und wie dargestellt, z.T. entgegen Wilhelms ursprünglichen Vorstellungen und Wünschen.

Überhaupt ist ein immer wiederkehrendes Hauptmotiv eine ordentliche, tätige, zufriedene Lebensführung und Mitwirken im Leben. Das tritt immer wieder auf, etwa in Form von Handwerkerzusammenschlüssen, Familienbetrieben und tätigen Lebensgemeinschaften, die mit Attributen wie z.B. lustig, froh, frisch, entschlossen beschrieben werden. Beim Lesen entsteht deutlich das Gefühl von einem urwüchsigeren, echteren Leben, einer anderen Gesellschaft, in dem Fall einem „anderen Deutschland“, das nicht romantisch oder antiquiert wirkt, sondern sehr lebendig und fast greifbar nahe genauso heute möglich ist. Alle Arbeiten und Betätigungen werden immer in den Bezug des Ganzen gestellt, in dem Sinn, daß sie sowohl zur Eigenversorgung dienen als auch Nutzen, Wirkung und Verbindungen in einem größeren Sinnzusammenhang entfalten. Dadurch wird vermieden, daß diese Orientierung auf das konkrete Leben in eine einseitige, rein nutzen- oder gewinnorientierte, materialistische Sicht abgleitet. Außer dem konkreten Nutzen für einen selbst und die ganze Gesellschaft wirkt so eine Lebensführung als bestes Beispiel und Vorbild. Ebenso wird dieses Grundmotiv auch als notwendig, klar und schön oder auch als letztendliches Refugium nach einem Zusammenbruch von illusionären Ideen dargestellt. Niemand kommt darum herum, sich damit auseinanderzusetzen, was ihm entspricht und wo er sich gerne einbringt. Goethe hält gleich mehreren Tendenzen der Gesellschaft seiner Zeit den Spiegel vor: Sowohl pietistisch-asketische Frömmigkeit als auch ausschweifende Genußsucht tritt in diesem Licht wie von selbst als einseitig hervor.

Im Kontakt mit der Turmgesellschaft trifft Wilhelm auf die ersehnte Natalie, die sich als Schwester von Lothario, einer Hauptfigur der Gesellschaft, entpuppt. Die Turmgesellschaft vertritt ein aufklärerisches Erziehungsideal und stellt eine Ausprägung einer Inneren Schule dar. Sie bietet an, Menschen harmonisch auszubilden und über die Erziehung des Einzelnen auf die gesamte Gesellschaft zu wirken. Vernunft und Wirkung als tätige Praxis sind die wichtigsten Orientierungspunkte. Gleichzeitig wird unnötiges Wissen und Anhäufung von Wissen, das nicht in die Praxis umgesetzt wird, abgelehnt. Ebenso wird Kunst zurückgewiesen, die nur Selbstzweck oder Wiederspiegelung der Künstlereitelkeit ist. Das Kunstverständnis der Turmgesellschaft orientiert sich ebenfalls am konkreten Nutzen und wird als praktische Erweiterung von handwerklichem Geschick verstanden. Kunst ist nur dann nützlich, wenn sie dazu beiträgt, im Betrachter eine bestimmte Wirkung hervorzurufen, ein Gefühl von Freude, Erhöhung und Selbstwertschätzung.

Neben der rein praktischen Seite tauchen mehrmals Elemente von religiösen Riten und Symbolen auf. Ein Beispiel dafür ist die pädagogischen Einrichtung, in die Wilhelm seinen Sohn Felix zur Ausbildung gibt. Die symbolischen Handlungen werden den dortigen Schülern erst nach und nach erklärt und aufgeschlüsselt, sobald sie bestimmte Erfahrungen selbst nachvollzogen haben. Jedoch befreit Goethe durch nachvollziehbare Erklärungen die Riten von allem magisch-religiösem Glauben. Alles Geheimnisvolle wird als Notwendigkeit erklärt, um die entsprechende Wirkung zu entfalten. Der „Lehrling“ kann nicht wissen, was für ihn gut ist und muß sich vertrauensvoll in die Hand seiner Führung begeben, um selbst etwas Neues zu erfahren. Deswegen sind zeitweise auch Geheimnisse notwendig, um die Wirkung nicht zu zerstören. Der Vergleich mit den Künsten leuchtet jedem ein: dort gibt es ebenso Stufen. Zuerst beginnt der Lehrling als Farbenmischer, bevor er anfangen darf, Vorbilder zu kopieren und schließlich selbst Kunstwerke zu erschaffen. Ebenso wird die vorgestellte, ideale charakterliche Schulung als stufenweise ablaufend erklärt.

In den Wanderjahren kommt noch das Element der Entsagung hinzu, das schon im Titel auftaucht. Entsagt wird z.B. einer persönlichen Beliebigkeit, indem bestimmte äußere Regeln eingehalten werden (1. Nicht mehr als drei Tage am selben Ort bleiben; 2. Höchstens mit einer einzelnen anderen Person wandern). Außerdem „entsagt“ Wilhelm am Anfang des Romans seiner geliebten Natalie, mit der er gerade am Ende der Lehrjahre noch zusammengetroffen ist. Die Entsagung dient dazu, für neue Erfahrungen offenzubleiben anstatt sich in bereits erreichte Umstände abzukapseln. Anstatt sich mittels Bedingungen und Umständen abzusichern, sich darin einzunisten und unbemerkt abhängig zu werden, zielt Entsagung auf echte Eigenverantwortung und Selbstständigkeit und das Verständnis, wo und aus welchem Grund dieser Punkt verlassen wird.


Führung und Einfluß - Die "Gesellschaft vom Turm"

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Die Turmgesellschaft ist ein Entwurf zu einer Inneren Schule. Goethe stellt die Frage ganz neu, ob und wie es möglich ist, menschliche Reifung zu organisieren und was dazu notwendig ist. Über sein eigenes Leben hinaus interessiert er sich dafür, wie anderen Menschen der Nutzen einer bewußten Lebensführung und Leitung dorthin zugänglich gemacht werden kann. Ebenso fasse ich auch seine bekannte Mitgliedschaft in Freimaurerlogen auf. Er suchte dort Kontakt mit einem lebendigen Ausdruck seiner tiefempfundenen Ausrichtung. Durch sein umfassendes Interesse und Verständnis kommt er ohne jede Berührungsangst und Dünkel aus. Für ihn sind die Logen nur eine mögliche Form der Ausprägung seiner Ideen. Mit Wilhelm Meister entmystifiziert Goethe die Vorgänge und Notwendigkeiten einer Inneren Schule, namentlich die Freimaurer, und klärt gleichzeitig viele Gerüchte auf, die von repressiven Seiten verbreitet werden, denen selbstständige Menschen ein Dorn im Auge sein müssen. Außerdem stellt Goethe für jede Innere Schule und für jeden, der sich mit einem solchen Zusammenhang auseinandersetzt, ganz neu die Frage nach der ursprünglichen Ausrichtung, Form und Wirkungsweise.

In den beiden Romanen wird praktisch und vernünftig dargestellt, was zu einer ausgewogenen Entwicklung eines Menschen notwendig ist (u.a. Leitung und Rückmeldung durch andere, Vertrauen des Schülers in die Führung, Einlassen auf Vorgaben, u.v.a.). Anders ausgedrückt geht es dabei um praktische spirituelle Führung. Goethes besonderes Verdienst ist dabei, verschiedenste Aspekte vorhandener Einrichtungen und Strömungen in der Gesellschaft seiner Zeit nebeneinanderzustellen und das Beste herauszudestillieren, auf das sich die Ausbildung stützt. Es wird also kein abstruses „Geheimwissen“ oder dergleichen benötigt. Vielmehr wird die Art und Weise der charakterlichen Führung dementsprechend erklärt, daß sie nur von Notwendigkeiten geleitet sein kann, die die entsprechenden Wirkungen hervorrufen. Außerdem läßt Goethe ein paar Unstimmigkeiten zwischen den innersten Mitgliedern, die die Schule zu beleben versuchen, hindurchscheinen. Damit wird deutlich, daß es nicht um ein erstarrtes, dogmatisches System geht (etwa eine philosophische Denkschule oder eine Religion im üblichen Sinn), sondern um eine lebendige, dynamische Angelegenheit.


Meisterschaft

Goethe zeichnet kein Bild von einer erfolgreichen Karriere oder vom gesellschaftlichen Aufstieg eines Menschen. Wer in diesem Sinn nach der Ausbildung und Meisterschaft Wilhelms sucht, wird nichts finden. Es geht hingegen um praktische Lebensführung, persönliches Lebensglück und eine heitere Zufriedenheit, die dem Leben offen begegnen kann, statt sich vorschnell in enge Vorgaben einsperren zu lassen oder sich in abhängige Arrangements zu flüchten. Erst in diesem Zusammenhang erschließt sich z.B. die Entscheidung Wilhelms zur praktischen Tätigkeit als Wundarzt.


Spruchsammlungen

In den Wanderjahren gibt es noch zwei sehr bemerkenswerte Spruchsammlungen. „Betrachtungen im Sinne der Wanderer - Kunst, Ethisches, Natur“ und „Aus Makariens Archiv“. Darin finden sich Aphorismen und kurze Betrachtungen, die Goethes Überfluß an Beobachtungen und persönlichen Entdeckungen wiedergeben. Dahinter steckt deutlich hörbar der unermüdliche Erkenntnishunger und gleichzeitig die Liebe und Nähe zu allem, was ihm unterkam und was er praktisch für sich selbst aufarbeiten mußte, sobald es ihm begegnete. Er spricht von allem, was einem Mensch im Lauf des Lebens begegnet, von Liebe, Gesellschaft, Zusammenleben, Arbeit, Sinn, Bildung, Wissenschaft, Kunst und den Irreführungen und Schicksalsschlägen dazwischen. Es erstaunt jedes Mal wieder, wie breitgefächert und genau beobachtet die herausgegriffenen Augenmerke sind.


Zitate

(Seitenangaben beziehen sich auf die Reclam-Ausgabe)

Gesundheit und Verrücktheit (Verstandesleiden) (S. 361 f.)
Wahnsinn bedeutet hier Auswirkung von falschen Vorstellungen, die Leid erzeugen. Einbringen ins Leben heilt solche falschen Vorstellungen. Außderdem geht es um Gewohnheiten und äußerliche Attribute und wie sich eine Persönlichkeit darüber definiert. Fallen diese Gewohnheiten weg, entlastet das die betreffende Person. Zuvor wird es aber zuerst als Leiden und Verlust empfunden.

„Außer dem Physischen“, sagte der Geistliche, “ […] finde ich die Mittel, vom Wahnsinn zu heilen, sehr einfach. Es sind ebendieselben, wodurch man gesunde Menschen hindert, wahnsinnig zu werden. Man errege ihre Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen Begriff, daß sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, daß das außerordentliche Talent, das größte Glück und das höchste Unglück nur kleine Abweichungen von dem gewöhnlichen sind; so wird sich kein Wahnsinn einschleichen, und wenn er da ist, nach und nach wieder verschwinden. Ich habe des alten Mannes Stunden eingeteilt, er unterrichtet einige Kinder auf der Harfe, er hilft im Garten arbeiten und ist schon viel heiterer. Er wünscht von dem Kohle zu genießen, den er pflanzt, und wünscht meinen Sohn, dem er die Harfe auf den Todesfall geschenkt hat, recht emsig zu unterrichten, damit sie der Knabe ja auch brauchen könne. Als Geistlicher suche ich ihm über seine wunderbaren Skrupel nur wenig zu sagen, aber ein tätiges Leben führt so viele Ereignisse herbei, daß er bald fühlen muß, daß jede Art von Zweifel nur durch Wirksamkeit gehoben werden kann. Ich gehe sachte zu Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine Kutte wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen: denn es bringt uns nichts näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern auszeichnen, und nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgmeinen Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer Erziehung und in unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten.“


Unnütze Ideen (S. 363)
Unnütze Ideen führen zu dem erklärten Wahnsinn.

Für den Menschen, sagte er, sei nur das eine ein Unglück, wenn sich irgendeine Idee bei ihm festsetze, die keinen Einfluß ins tätige Leben habe oder ihn wohl gar vom tätigen Leben abziehe.


Jetzt (S. 441)
Ob etwas den eigenen Vorstellungen entsprechend gelingt oder nicht, beeinflußt die Stimmung und das Bild, das jemand von sich hat. Es führt in die Irre, so ein Bild auf den zufälligen Ausgang von Ereignissen aufzubauen. Außerdem ist das Selbstbild durch die eigenen Ansichten immer verzerrt. Dagegen ist das, was direkt vor einem liegt, immer direkt und echt.

„alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefährlich, sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entweder stolz und lässig oder niedergeschlagen und kleinmütig, und eins ist für die Folge so hinderlich als das andere. Das Sicherste bleibt immer, nur das Nächste zu tun, was vor uns liegt, und das ist jetzt“, fuhr er mit einem Lächeln fort, „daß wir eilen, ins Quartier zu kommen.“


Kunst (S. 541)
Kunst, die einen tiefer berührt, unterstützt Selbsterkenntnis.

Den andern Morgen, da noch alles still und ruhig war, ging er, sich im Hause umzusehen. Es war die reinste, schönste, würdigste Baukunst, die er gesehen hatte. „Ist doch wahre Kunst“, rief er aus, „wie gute Gesellschaft: sie nötigt uns auf die angenehmste Weise, das Maß zu erkennen, nach dem und zu dem unser Innerstes gebildet ist.“ Unglaublich angenehm war der Eindruck, den die Statuen und Büsten seines Großvaters auf ihn machten.
Sprüche
Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages. (W S. 309 [3])

Das könnte ebensogut ein Zitat aus dem Zen sein.

Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerläßlich gefortderte Ebenmaß abgeht. Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch öfter hervortun; denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart und zwar in schnellster Bewegung genugtun können? (W S. 314 [34])

Mahnung vor Außenorientierung im Zeitgeist.

Man muß bedenken, daß unter den Menschen gar viele sind, die doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag. (W S. 318 [58])

Auswüchse von Wissen, das sich nicht im Handeln bewähren muß.

Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand. (W S. 318 [59])

Wer tiefer nachschaut, geht keine Kompromisse mehr ein, weil er keine Handel mehr mit sich selbst akzeptiert. Die Allgemeinheit bewegt sich am liebsten in einer unauffälligen Mitte und will dort auch nicht gestört werden. Deswegen sind Wahrhaftigkeit und allgemeine Akzeptanz bzw. Zustimmung unvereinbar.

Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muß sie positiv ausgesprochen werden; problematisches hab ich in mir selbst genug. (W S. 319 [60])

Anklagen und sich beschweren kann jeder. Wer wirklich etwas weiß, kann das auch klar darstellen und Lösungen aufzeigen.

Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich. (W S. 319 [65])

Theoretische Träumereien und Mutmaßungen lassen einen das eigene Leben verschlafen.

Die Theorie an und für sich ist zu nichts nütze, als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht. (W S. 322 [90])

Das Nachdenken spielt sich nur in Abstraktionen ab, die einem bestimmten Modell folgen. Eine andere Theorie bzw. Kultur oder Moral, würde Erscheinungen vielleicht ganz anders gruppieren und bewerten. Darauf aufgebaute Schlußfolgerungen bewegen sich also nur im gleichen System, können aber keine Wahrheitsgehalt beanspruchen. Die einzige echte Möglichkeit ist, sich immer wieder neu mit jeder Gegebenheit auseinanderzusetzen.

Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst verwebt: daß ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht genügt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick das Nächste ist und wir von ihr fordern können, daß sie sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie eindringen. (W S. 327 [117])

Der Verstand ist unersättlich in seiner Bestrebung, etwas anderes zu erreichen als das, was direkt vor ihm liegt.

Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will. (W S. 334 [165])
Marco Holmer, 2.1.2009