Der Verstand
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Der Verstand als Summe und Komplex der mentalen Funktionsmechanismen
Beschreibung
Was der Verstand ist
Der Verstand ist die mentale Fähigkeit des Menschen, aktuelle Erlebnisse durch Bewerten, Vergleichen und Schlußfolgern in Beziehung zu Erinnerungen zu setzen, die aus aufgezeichneten vergangenen Erfahrungen bestehen.
Ohne Erinnerung kann es daher keinen Verstand geben.
Zum üblichen Werdegang von Menschen gehört, daß sich bei ihnen Erinnerungen in Verbindung mit Prägungen aus Erziehung und Beeinflussung dergestalt anhäufen, daß daraus das Selbstbild einer getrennten "Persönlichkeit" entsteht. Der Verstand operiert dann aus dieser Bezugsachse der Persönlichkeit bzw. des Falschen Selbstbildes heraus und wird zu einer scheinbar eigenständigen, in Wahrheit aber durchweg automatisch ablaufenden Instanz.
Verschiedene Aktivitätsmodi des Verstandes
In Anlehnung an Ramesh Balsekar (siehe Vorwort zu Nisargadatta Maharajs Buch "ICH BIN, Band 1") kann man von zwei Arten oder Modi des Verstandes sprechen: dem verwirrten Verstand und dem arbeitenden Verstand. Ersterer basiert auf der Illusion eines vom Ganzen getrennt Handelnden, der aus dieser Illusion von Trennung und den daraus notwendigerweise resultierenden Spannungen und Ängsten heraus ständig neue Projektionen erschaffen muß, die ihn dann immer mehr von der Wirklichkeit trennen und in eine Scheinwelt aus Konzepten und Vorstellungen entführen. Heraus kommt dabei der übliche, durchweg anzutreffende Verstandes- oder auch Gefühlsmensch (beides drückt nur komplementäre Erscheinungsformen derselben Verwirrung aus), ein aus seiner Konditionierung und seinen Wunschphantasien heraus blind reagierendes und unbewußt lebendes Wesen. Der arbeitende Verstand hingegen ist Werkzeug der Bewußtheit und stets an der Erfordernis der gegenwärtigen Situation orientiert.
Das Denk-Zentrum
Nach der Lehre des Vierten Weges, die zwischen instinktivem, Bewegungs-, emotionalem und Denk-Gehirn bzw. Zentrum unterscheidet, handelt es sich beim Verstand um das vierte, also das Denk-Zentrum, und beim verwirrten Verstand um falsches Funktionieren dieses Zentrums — indem z.B. der niedere Teil, das Wortbildungszentrum, Verstehen bzw. Verständnis vortäuscht, oder indem das Denk-Zentrum Funktionen der anderen Zentren wie Empfinden oder Fühlen zu ersetzen versucht. Echtes Verständnis kann jedoch nicht nur mental/intellektuell aufgefaßt werden, sondern umfaßt den ganzen Menschen (näheres siehe Beitrag über Verstehen/Verständnis).
Der "Wachschlaf"
Identifikation mit dem Verstand
Der gewöhnliche Durchschnittsmensch ist, vor allem wenn er sich gebildet oder geistig interessiert oder gar "intelligent" dünkt, vollständig mit seinem Verstand identifiziert. Alles, was sein Verstand ihm eingibt (z.B. im Verlauf des ständig ablaufenden Inneren Dialogs), hält er für Ansichten und Überzeugungen von sich selbst. Er kann sich nicht davon trennen, und er kann diese Einflüsterungen seines Verstandes auch nicht bewußt wahrnehmen und beobachten; er kann sie nicht "ablaufen lassen", sondern hängt sich daran an und meint, das sei alles er selbst. Sein Verstand ist im Grunde synonym für sein Ich.
Leider ist das vor allem im Westen, der die Rationalität wie eine neue Religion vergöttert und sie für den Königsweg zu Erkenntnis und Wissen hält, eine viel zu wenig hinterfragte Selbstverständlichkeit. Ein paar dieser Menschen haben schon einmal von "Meditation" gehört, einer östlichen Herangehensweise, bei der man sich durch inneres Beobachten der Verstandesabläufe von diesen ent-identifiziert. Aber "Meditation" ist nur ein modisches Schlagwort, das oft genug für andere Bedeutungen mißbraucht wird. Der eigentliche Schlüssel lautet Bewußtheit. Ein mit seinem Verstand identifizierter Mensch ist vollkommen unbewußt, er befindet sich im "Wachschlaf", er träumt mit offenen Augen, er ist nicht in der Wirklichkeit der Gegenwart, sondern wandert im Geiste abwechselnd durch Vergangenheit und durch Zukunft — beides irreale Sphären seiner inneren Vorstellung. Er lebt in Worten, Begriffen, Assoziationen, ideologischen Glaubenssätzen, Gehörtem, Gelerntem, Erinnertem — aber nicht hier und jetzt.
Die De-Identifikation
All das wird erst durch bewußte Selbstbeobachtung deutlich. Und diese kann und darf nicht auf bestimmte ruhige Freizeitperioden beschränkt sein (wo man dann in der Stille "meditiert"), sondern muß, wenn sie Aufschlüsse erbringen soll, in jeder Lebenssituation stattfinden: nämlich gerade um den Verstand in seiner ganzen Mechanikalität wahrnehmen zu können. Man findet dann sehr schnell heraus, daß sich die allermeiste mentale Tätigkeit als Verselbständigung einer verrückten Plappermaschine im Kopf entpuppt, die mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Die behauptete Steuerung (des eigenen Verhaltens und damit des eigenen Lebensschicksals) durch diese Instanz stellt sich als nur behauptet, in Wahrheit aber nicht vorhanden heraus. Wie ein schönes Gleichnis besagt: Der Herr ist nicht im Haus, und die Diener führen sich als Herren auf.
Die Lehren, die sich hieraus für jeden Menschen, der sich darauf einläßt, ergeben, sind von ungeheurer Tragweite. Er verläßt die Traumwelt seiner Einbildungen und Hirngespinste und betritt ein neues Land, das Land der wahren Wirklichkeit.
| Gerd-Lothar Reschke, 9.11.2007, 25.9.2008 |
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